Einhörner
Meine Leidenschaft für Einhörner hat weniger mit den Legenden zu tun, die sich um dieses Fabelwesen ranken, als viel mehr mit der reinen
Faszination für ihr neuzeitliches Aussehen. Trotzdem habe ich mich ein wenig mit dessen Ursprung beschäftigt. Dabei bin ich auf einige
interessante Gesichtspunkte gestoßen. Mir ist aufgefallen, dass es nicht möglich ist, einen einzigen gesicherten Ursprung für alle Einhornlegenden
weltweit zu finden. In den verschieden Kulturen tauchen immer wieder unterschiedliche Einhörner mit ganz verschiedenem Charakter und Aussehen auf.
So zum Beispiel entstand in China die Legende des Ch'i-lin (auch Kinlin) mit dem
Körper eines Hirsches, dem Kopf eines Wolfes, Pferdehufen und Ochsenschwanz, das als eines der 4 heiligen Tiere galt. Es konnte über Wasser und
Land schreiten und war dabei so behutsam, dass es kein Gras und kein Lebewesen zertrat. Es trank kein schmutziges Wasser, hatte eine Stimme wie
eine Glocke und überbrachte gute Nachrichten.
Es erschien dem Herrscher Huang-ti zu Beginn seiner Regierungszeit und wurde als Zeichen für eine glückliche Epoche gedeutet.
Huang-ti vereinte das chinesische Volk, erfand Musikinstrumente und lehrte seine Untertanen mit Ziegelsteinen zu bauen.
Am Ende seines Lebens erschien ihm das Ch'i-lin noch einmal und trug ihn auf dem Rücken ins Reich der Toten.
Auch der Mutter des weisen Konfuzius erschien es vor dessen Geburt. Mittels einer Jadetafel sagte es ihr, sie werde einen Sohn,
‚einen König ohne Thron’, zur Welt bringen.
Am Hofe des Kaisers Shun half ein Einhorn, das Hsieh-chai genannt wurde, bei der Rechtsprechung,
weil es einen sich nie irrenden Gerechtigkeitssinn besaß.
In dieser Funktion tauchte es als Kirin auch in Japan auf.
Aus Süd-Indien stammte das Yale/Eale. Es hatte den Bart einer Ziege und spiralförmige Hörner, die es beim Kampf in beide
Richtungen drehen konnte. Die Inder sollen es als Beschützer gegen böse Geister in ihren Tempeln gehalten haben.
Auch die Griechen Ktesias (Geschichtsschreiber und Arzt um 400 v. Chr.) und Megasthenes
(Historiker) berichteten von indischen Einhörnern: Bei Ktesias war es so groß wie ein Pferd, hatte einen weißen Körper mit einem roten
Kopf und blauen Augen. Das Horn war etwa 30 cm lang, an der Stirn weiß, in der Mitte schwarz und an der Spitze blutrot; Megasthenes hingegen
beschrieb das Kartazoon: der Körper schwarz, die Füße ungegliedert wie die eines Elefanten und der Schwanz ähnelte dem
eines Schweines; das Horn saß zwischen den Augenbrauen, war ebenfalls schwarz und gewunden. Er beschrieb es als friedfertig und sanft gegen andere,
aber als wild gegen seinesgleichen. Seine Stimme sei laut und misstönend, so Megasthenes.
Das Mi'raj stammte von einer Insel im Indischen Ozean. Es hatte die Form eines großen gelben Hasen mit einem einzigen
schwarzen Horn. Obwohl es harmlos schien, war es allen anderen Tieren als räuberisch bekannt und sie rannten um ihr Leben, wo immer das
Mi'raj auftauchte.
Auch im alten Persien gab es Einhörner: die Shadhahvar. In Persien war ein einzelnes Horn ein Zeichen für höchste Gefahr
und Gewalttätigkeit. Daher war das Shadhahvar auch nicht sonderlich friedlich. Als geschwungen und mit hohlen Zacken
besetzt wurde sein Horn beschrieben. Wenn der Wind durch diese Zacken wehte, erklang eine wehmütige und süße Melodie. Das Wesen jedoch tötete alle
Tiere, die sich von diesen Klängen anlocken ließen.
Das Einhorn des Islam trug den Namen Karkadann. Auch hier wurde es als gewaltsam beschrieben, ließ sich aber vom Gesang
der Ringeltauben in eine harmonische Stimmung versetzen. Oft lag es stundenlang unter Wüstenbäumen und lauschte ganz hingerissen den zarten Tönen
des Vogels. Setzte sich eine Taube auf das Horn des Karkadann, so harrte das Tier reglos aus bis die Taube von selbst
weiterflog.
Auch im alten Griechenland gab es Legenden von Einhörnern: da war zum Beispiel die Ziege Amaltheia, welche den
neugeborenen Zeus gesäugt hatte. Zeus brach ihr einmal ein Horn ab, welches er danach zum Füllhorn machte. Dieses Horn soll
magische Fähigkeiten gehabt haben: Nektar und Ambrosia, das Getränk und die Speise der Götter, sollen aus ihm geflossen sein.
Als Symbol wurde das Einhorn, welcher Art es auch immer sein mochte, der Artemis zugeordnet, der griechischen Göttin der Jagd und des
Mondes. Die Artemis wurde als Jungfrau verstanden und stellt so den ersten Zusammenhang zu der späteren christlichen Deutung des Einhorns
als Beschützer der Jungfrauen her.
Die ägyptische Königin schenkte Alexander dem Großen bei dessen Geburt das Pferd Bukephalos, das niemand
außer ihm reiten konnte. Es hatte den Schweif eines Pfaus und ein großes Horn aus Elfenbein auf der Stirn. Bei seinem Tod ließ Alexander
zu seinen Ehren eine Stadt errichten.
Bei den Römern erwähnte Gaius Julius Caesar, der spätere römische Kaiser, etwa 50
v. Chr. im Jägerlatein-Kapitel des »Bellum Gallicum« (»Der Gallische Krieg«)
ein Einhorn in den Hercynischen Wäldern, dem heutigen Harz: „Es sieht aus wie ein Hirsch, auf dessen Stirn in der Mitte zwischen den Ohren ein
einziges Horn wächst, länger und gerader als alle Hörner, die wir kennen …”
Die Fantasie, die zur Entstehung der Einhornsagen auf europäischem Raum (wie bei den Griechen und Römern) führte, wurde allerdings nicht nur
durch die Geschichten aus Asien angeregt, auch die Fehlinterpretation der ägyptischen Malereien hatte dazu ihren Beitrag geleistet. Die Ägypter
malten Tiere wie Ziegen und Antilopen oft Horn auf Horn, da sie keine dreidimensionale Darstellungsweise kannten.
Aber auch später blieben die Einhornlegenden lebendig. Es war eine weiße Stute mit einem leuchtenden gewundenen Horn auf der Stirn. Manche
sprachen auch von einem Ziegenbart und der Mähne eines Löwen. Seine Existenz war für die Menschen im Mittelalter so sicher wie die
Schöpfungsgeschichte in der Bibel. Aber die Bibel gab keinerlei Antwort auf die Frage, wo dieses geheimnisvolle Wesen war, als Gott mit der
Sinnflut die komplette Menschheit ausrottete. Auf der Arche des Noah und seiner Familie wurde es jedenfalls nicht erwähnt. Dennoch finden sich
noch heute bildliche Darstellungen des Einhorn an Bord des Schiffes.
Andere jedoch behaupteten, dass das Einhorn den Baum des Lebens beschützen musste und auch während der Sintflut nicht von dessen Seite wich.
Im 15. Jahrhundert wurde von Seiten der Kirche jegliche bildliche Darstellung von Einhörnern verboten. Dennoch behielt es seine Bedeutung
als Symbol für sehr verschiedene Dinge: vor allem für Tugenden wie Ehrlichkeit, Reinheit und auch für Jungfräulichkeit. Doch auch weibliche
Stärke, die durch Sanftheit rohe Gewalt besiegt, spiegelte es wieder. Es war das königliche Tier voller Kraft und Mut, das sich vor der Sanftheit
und Keuschheit der reinen Jungfrau verneigte und in ihrer Nähe seine Wildheit und seinen Stolz verlor und somit verletzlich wurde. So kam das
Gerücht auf, das Einhorn könne nur mit Hilfe einer Jungfrau gefangen oder gar getötet werden, um an sein wertvolles Horn zu gelangen.
Dieses als magisch und heilkräftig geltende Horn konnte viele Wunder vollbringen: sein Pulver neutralisierte jedes Gift; das Horn selbst begann
zu bluten, sobald es sich in der Nähe von Vergiftetem befand. Aber auch andere Teile des Einhorn bewirkten ähnlich Interessantes: seine Leber
half gegen Aussatz (Lepra) oder ähnliche Leiden; ein Gürtel, der aus der Haut des Einhorns gefertigt war, schützte vor Pest und Fieber; ein unter
das Ess- oder Trinkgeschirr gelegter Huf wurde bei vergifteten Speisen oder Getränken heiß, wenn diese warm, und fing an zu rauchen, wenn diese
kalt waren.
Die wirkliche Existenz der verschiedenen Einhörner konnte bisher wissenschaftlich jedoch weder be- noch widerlegt werden.
Ich bin überzeugt, dass das Einhorn auch auf ewig seinen Zauber und seine Magie für jeden in uns bereithält.
Was haben Einhörner mit meinem realen Leben zu tun? Gute Frage!
Hier ein paar Antworten:
Ich wohnte in der Einhornallee, habe mir vor Jahre einen Einhornkopf auf den Bauch tätowieren lassen
und sammle verschiedene Einhornfiguren.